Die irische Sprache - Eine kurze Zusammenfassung ihrer Geschichte
und jetzigen Lage
Folgender Artikel gibt die persönlichen Ansichten des Autors Seán Ó
Riain, PhD, ehemaliger Presse- und Kulturrat der irischen Botschaft
in Deutschland wieder. Die erste Fassung war ein Vortrag bei einem
Treffen der Gesellschaft für Interlinguistik e.V. in Berlin am 23.
Nobember 2001.
Einführung
Einige sprachliche Besonderheiten des
Irischen
Geschichtlicher Überblick
Sprachpolitik des irischen Staates
Modernisierung der Sprache
Die Sprache in Politik und Gesellschaft
Fußnoten
Irisch lernen in Deutschland
Einführung
Dieser Beitrag stellt kurz die Geschichte und jetzige Lage der
irischen Sprache dar und gibt einen Überblick über Maßnahmen zur
Sprachpolitik Irlands.
Irisch (fußnote: 1) ist eine keltische Sprache, die besonders eng
mit Schottisch-Gälisch und Manx verwandt ist. Beide sind Dialekte
des Irischen und haben erst ab dem 17. Jahrhundert getrennte
literarische Formen entwickelt. Diese drei Sprachen stellen die
Gruppe des 'Gälischen' oder Goidelischen dar, so genannt von
'Góedel', dem alten irischen Wort für 'Ire'. Die andere Gruppe der
keltischen Sprachen ist die britische oder britannische. Dazu
gehören das Walisische, das Bretonische sowie das Cornische. Alle
keltischen Sprachen sind indogermanischen Ursprungs. Sie werden
manchmal in einen'Q-Keltischen' und einen 'P-Keltischen' Zweig
geteilt: die irischen Wörter für Kopf und Sohn sind 'ceann' ;
früher 'quenn' und 'mac'; die Walisischen Wörter dafür sind 'pen';
und 'mab', früher 'map'. Keltische Sprachen und Dialekte wurden im
3./2. Jh. v.u.Z. in grossen Teilen Europas gesprochen, von Galicia
in Spanien bis Galizien in Polen oder von Irland bis zu den
Galatern in der heutigen Türkei.
Einige Sprachliche Besonderheiten des Irischen
Wie von Heinz (2000: 44) beschrieben, teilen sich die keltischen
Sprachen einige Merkmale, die sie von anderen indoeuropäischen
Sprachen unterscheiden. Dazu gehören morphologisch-syntaktisch
begründete Veränderungen der Wortanfänge, die Mutationen genannt
werden, eine ursprüngliche Verb-Subjekt-Objektfolge der
Satzglieder, sowie flektierende Präpositionen.
Zum Beispiel:
'ihre Beine': a cosa;
'seine Beine': a chosa;
'ihre Beine' (Mehrzahl): a gcosa.
Oder
'Die Frau hat mir das Buch genommen'
Thóg an bhean an leabhar uaim
(wört. 'nahm die Frau das Buch von mir'; von = ó; ich = mé)
Im Verbum entspricht der Unterschied
'ich bin jetzt' (Táim anois) und
'ich bin jeden Tag' (Bím gach lá)
genau dem Polnischen Aspektunterschied zwischen dem Perfektiv
jestem teraz und dem Imperfektiv bywam codziennie. Weil es diesen
Unterschied im englischen Verb nicht gibt, haben die Iren etwas
erfunden, um die iterative Bedeutung auszudrücken: 'I am now/I do
be every day'!
Im wesentlichen entspricht der Unterschied zwischen
'Ich bin hier' (Táim anseo) und
'ich bin Ire' (Is Gael mé)
dem spanischen Unterschied zwischen Estoy aquí und Soy irlandés,
d.h. es gibt einen Unterschied zwischen der Kopula 'is' und dem
Existenzverb 'tá'.
Obwohl es derart feine Ausdrücksmöglichkeiten im Verbum 'sein'
gibt, existiert kein Verbum 'haben' im Irischen oder in den anderen
keltischen Sprachen. Also, 'ich habe ein Buch' wird ganz so wie im
Russischen ausgedrückt: 'Es ist ein Buch bei mir': tá leabhar
agam/u menya kn'iga.
Geschichtlicher Überblick
Irisch war über 2000 Jahre lang in Irland dominante Sprache und
mehrere Jahrhunderte die Mehrheitssprache Schottlands (Ó Murchú
1985: 19), dessen Name, aus dem Lateinischen kommend, 'scotus'
bedeutet, 'Land der Irischsprechenden'. Der erste bekannte und noch
existierende Text in irischer Sprache ist Dallán Forgaills
Totenklage um St. Colm Cille, Amra Choluim Cille, geschrieben im
Jahre 597. Die Entwicklung des Irischen wird unterteilt in die
Periode des Altirischen (600-900), des Mittelirischen (900-1200),
des Früh-Neuirischen oder Klassischen Irischen (1200-1600) und des
Spät-Neuirischen (ab 1600).
Mit dem Beginn der Verschriftlichung der Sprache, nämlich durch die
Ankunft des Christentums im frühen 5. Jahrhundert, war Irisch die
einzige Landessprache der Insel. Dies blieb im wesentlichen so bis
zum Einfall der Anglo-Normannen im Jahre 1169. In den ersten
Jahrhunderten nach dem anglo-normannischen Einfall erstreckte sich
der Bereich der englischen Herrschaft nur auf einen schmalen,
England zugekehrtem Küstenstreifen um Dublin und Drogheda, dem
sogenannten 'Pale'. Die Nachfahren dieser ersten Kolonialisten, die
sich außerhalb des 'Pale' niedergelassen hatten, nahmen Sprache und
Lebensgewohnheiten der Iren an, d.h. sie wurden assimiliert. Selbst
der herrschende Adel, der sich durch Heirat mit der irischen
Oberschicht verband, wurde hibernisiert. Ein anglo-irisches
Parlament stellte im Jahre 1366 fest, dass viele der in Irland
ansässigen Engländer die englische Sprache aufgegeben hatten (Ó
Cuív 1951: 9). Gegen diese bedrohliche Entwicklung wurden im Jahre
1366 die Statuten von Kilkenny (Cill Chainnigh) erlassen. Sie sahen
vor, dass sich das Leben der Iren und Engländer fortan in völlig
getrennten Bereichen vollziehen sollte. Den Angehörigen der
englischen Kolonie wurde der Gebrauch der irischen Sprache streng
untersagt, ebenso das Heiraten von irischen Frauen. Die Statuten
blieben aber Jahrhunderte lang relativ unwirksam. Als Heinrich VIII
sich 1541 selbst zum König von Irland erklärte, musste die
Proklamation dem anglo-irischen Parlament auf Irisch vorgelesen
werden (Schiemer 1979: 34).
Im 16. Jahrhundert begann unter dem englischen Königshaus der
Tudors eine weitreichende Unterdrückung der einheimischen irischen
Kultur, mit der eine allmähliche Anglifizierung der Iren
einherging. Man vertrieb den irischen Adel, wodurch Irisch mehr und
mehr zu einer reinen Volkssprache und damit sozial degradiert
wurde. Sie war aber noch bis in das 19. Jahrhundert hinein Sprache
der Mehrheit der Iren (Kabel 1996: 11).
Das 17. Jahrhundert gilt als die Schicksalszeit für den Niedergang
der irischen Sprache. Zuallererst wechselte der Adel und dann, nach
Vertreibung der Häuptlinge, der Mittelstand die Sprache. Zum ersten
Mal wurde deutlich, dass soziale Aufstiegschancen unmittelbar mit
dem Erlernen der englischen Sprache verbunden waren.
Im 18. Jahrhundert beraubten sogenannte Strafgesetze ('Penal Laws')
die Iren auf Grund ihrer Zugehörigkeit zum Katholizismus aller
politischer und bürgerlicher Rechte. Vom Gesetz her durften sie
kein Land kaufen oder besitzen (Cullen 1979: 93). Cahill (1940:
594-5) bringt Beispiele für die Verfolgung des Irischen: Einigen
Lehrern in der Gegend von Killarney (Cill Áirne) wurde
'Schulunterricht und andere schwere Verstöße' vorgeworfen. Der Poet
Peadar Ó Doirnín wurde verfolgt, weil er die irische Sprache
lehrte. Dazu kam, dass es im ganzen Land keine Druckmöglichkeit für
irische Materialien gab. Sogar das Verbreiten von irischen
Manuskripten wurde von den herrschenden Autoritäten als
verurteilenswert angesehen.
Während des 19. Jahrhunderts wurde Irisch endlich zur
Minderheitssprache (fußnote: 2) in Irland. Das 'National School'
System, die Hungersnöte, Massenemigrationen und nicht zuletzt die
Einstellung der politischen Führer dieser Zeit waren von
maßgeblicher Bedeutung. Im Jahre 1831 wurde in Irland die
allgemeine Schulpflicht eingeführt. In den Schulen wurden die
Kinder ausschließlich auf Englisch unterrichtet, in einer Sprache,
die die meisten nicht verstanden. Kinder, die Irisch sprachen,
wurden bestraft. Von 1845 bis 1849 suchte eine Kartoffelfäule
Irland heim, durch die das wichtigste Nahrungsmittel der Zeit im
Boden verfaulte. Die Folge war neben dem Hungertod von wenigstens
einer Million Menschen eine gewaltige Auswanderungswelle nach
Amerika (fußnote: 3), die die Bevölkerung Irlands von über 9
Millionen im Jahre 1845 (fußnote: 4) auf 6.2 Millionen im Jahre
1851 und 5 Millionen heute verringerte (fußnote: 5). Die
irischsprechende Bevölkerung wurde von der Hungersnot am schwersten
betroffen, weil das die Ärmsten waren. Daher ging die Sprache
gerade in diesem Jahrhundert wesentlich zurück: 1845 gab es 5
Millionen Einwohner in Irland, die entweder selbst Irisch sprachen
oder Kinder von irischsprechenden Eltern waren (de Fréine 1977:
73). Im Jahre 1891 sprachen nur noch 3% der Kinder im Alter von 3-4
Irisch, und es schien nur eine Frage der Zeit zu sein, bis die
Sprache nicht mehr gesprochen würde.
Im Jahre 1893 jedoch wurde die Gälische Liga (Conradh na Gaeilge,
oder Gaelic League) gegründet. Dieses Ereignis änderte radikal die
Einstellung der Iren zu ihrer Sprache, zur politischen Lage ihrer
Nation und schließlich zu sich selbst (fußnote: 6). Deutsche
Keltologen wie Thurneysen, Zimmer, Kuno Meyer und andere haben
wirksam dazu beigetragen (fußnote: 7). Die Hauptziele der Liga
waren, den Tod der irischen Sprache zu verhindern, und sich für die
Förderung der irischen Literatur einzusetzen - also, die
'De-Anglicisation of Ireland' (Entanglisierung Irlands), Titel des
berühmten Vortrags im Jahre 1892 des Gründers der Liga und späteren
Präsidenten von Irland, Douglas Hyde. Ein Zeichen für den großen
Einfluss der Liga auf die allgemeine Einstellung der Iren ist, dass
einer der bekanntesten englischsprachigen Schriftsteller des 20.
Jahrhunderts, James Joyce, nach einer Diskussion mit einem
englischen Dekan folgendes schrieb (Joyce 1916: 189):
'His language, so familiar and so foreign, will always be for me an
acquired speech. I have not made nor accepted its words.' (Seine
Sprache, so vertraut und doch so fremd, wird immer für mich eine
erworbene Sprache sein. Ich habe ihre Wörter weder gemacht noch
angenommen.)
Sprachpolitik des irischen Staates
Der 1919 gegründete und 1922 anerkannte irische Staat nahm die
sprachliche Philosophie der Liga an. Bei der ersten Zusammenkunft
des unabhängigen irischen Parlaments am 21. Januar 1919 wurde fast
nur Irisch gesprochen - die Abgeordneten, die kein Irisch konnten,
hielten es für unangebracht, 'die Sprache der fremden
Gewaltherrschaft' zu benutzen (Ó Tuama 1972: 37), und schwiegen
daher. Das Ziel des neuen Staates war es, die Sprache zu retten,
und sie als Zeichen einer unverkennbaren irischen Identität wieder
herzustellen. Ich werde mich jetzt unter zwei Aspekten näher zur
irischen Sprachpolitik äußern: (a) zur Sprache selbst, und (b) zur
Sprache in Politik und Gesellschaft.
Modernisierung der Sprache
Nachdem Irland unabhängig wurde, wurde die Regälisierung des Landes
Staatsziel und Irisch als Nationalsprache anerkannt. Da Irisch aber
bereits seit 300 Jahren keine Verwaltungssprache mehr war und von
allen Zentren der Macht ausgeschlossen, fehlte eine Standardsprache
und eine einheitliche Schriftsprache. Es wurde vor allem in den
drei Hauptdialekten geschrieben, nähmlich dem südlichen, dem
westlichen und dem nördlichen. Der Standard des klassischen Irisch,
das vom 12. bis zum 17. Jahrhundert verwendet worden war, war mit
der gesprochenen Sprache (fußnote: 8) nicht mehr vereinbar.
Außerdem gab es keine Einigung, ob man die sogenannte gälische
Schrift (fußnote: 9) benutzen sollte, oder die lateinische.
Es gab also Probleme mit der Schrift, der Grammatik, der
Orthographie, der Terminologie und sogar mit der Aussprache
(fußnote: 10).
Im Laufe der Zeit wurden alle diese Probleme gelöst, aber nicht
ohne Schwierigkeiten. Weil die Universitäten in den 20er und 30er
Jahren mit dem Ausarbeiten einer Standardsprache kaum Fortschritte
gemacht hatten, beschloss die Regierung selbst zu handeln. Das war
notwendig, da ab 1922 alle Gesetze des neuen Staates zweisprachig
veröffentlicht werden mussten. Dies geschah zuerst im südirischen
Dialekt. 1947 aber wurde eine einheitliche Orthographie eingeführt
und 1958 eine Standardgrammatik, die Elemente aller Dialekte
enthielt. Die lateinische Schrift wurde 1922-32 verwendet, aber mit
dem Regierungswechsel 1932 wurde wieder die 'gälische Schrift'
benutzt. Die Schriftfrage wurde erst in der 60er Jahren mit der
Einführung der lateinischen Schrift endgültig gelöst. Neue
Terminologie wird seitdem von einem Terminologiekomittee des
Erziehungsministeriums geschaffen. Vorher hatte es Probleme auch in
diesem Bereich gegeben (fußnote: 11). Der österreichische
Wissenschaftler Erwin Schrödinger hatte 1943 dem irischen Taoiseach
(Premierminister) de Valera einen Vorschlag gemacht (Ó Riain
1985:78): Man sollte ein internationales Wort im Irischen annehmen,
wenn es in drei von vier der folgenden Sprachen benutzt wird:
Deutsch, Französisch, Spanisch und Italienisch. Jedoch besteht das
jetzige Hauptproblem darin, wie man die traditionellen Sprecher des
Irischen in den Gaeltacht (fußnote: 12) Bereichen zur Benutzung der
neuen Terminologie bringt.
Die Sprache in Politik und Gesellschaft
Im allgemeinen wird die politische/gesellschaftliche Sprachpolitik
als Misserfolg gesehen. Irisch ist keineswegs die dominante Sprache
Irlands. Ihre tatsächliche Anwendung entspricht selten ihrem
verfassungsmäßigen Status. Kinder lernen Irisch von der ersten
Klasse bis zum Abitur, ohne es sprechen zu können. Ist die irische
Sprachpolitik also gescheitert? Es gibt keine einfache Antwort,
denn die Situation der Sprache ist äußerst kompliziert, obwohl es
auch positive Zeichen gibt.
Auf dem Gebiet der Bildung wurde das meiste getan. Die Forschung
von Harris (1884: 138) zeigt, dass nur ein Drittel der Kinder in
der Grundschule, wo Irish obligatorisch ist, die Sprache
beherrschen. Ein weiteres Drittel macht Fortschritte, und ein
letztes Drittel lernt die Sprache kaum. In den Gaelscoileanna
(fußnote: 13), wo Irisch Unterrichtssprache ist, wird sie von 83.8%
beherrscht, und fast alle Schüler machen wesentliche Fortschritte
zur Beherrschung der Sprache. In den offiziellen
Gaeltacht-Gebieten, wo ein Teil der Schüler nur Englisch zu Hause
spricht, wird Irisch von 57.85% der Studenten beherrscht. Das
Hauptproblem ist klar: Eine Stunde pro Tag Kontakt mit Irisch, wie
es über 90% der irischen Schüler in der Grundschule haben, genügt
nicht, um die Sprache zu beherrschen. Jedoch nur 30% der Eltern
würden ihre Grundschulkinder in Gaelscoileanna schicken, wo die
Mehrheit von ihnen die Sprache beherrschen würde, und 59% der
Eltern würden das zur Zeit nicht tun (Ó Riagáin und Ó Gliasáin
1994:26).
Welche Ergebnisse zeigen 80 Jahre Statuspolitik?
Die Sprache ist nicht ausgestorben, wie es ohne Staatsunterstützung
wahrscheinlich gekommen wäre. Sie wird in Fernsehen und Radio
verwendet (fußnote: 14). Pro Jahr werden fast 150 neue Bücher auf
Irisch veröffentlicht. Irisch wird - laut der letzten Volkszählung
von 2002 - von 1.54 Millionen oder 43,5% der Gesamtbevölkerung im
irischen Staat gesprochen und von 143.000 oder fast 10% der
Gesamtbevölkerung in Nordirland. Auf den ersten Blick scheint das
besser zu sein als die 13,3% von 1911 oder die 19,3% von 1926. Man
sollte jedoch anmerken, dass diese Zahlen Selbstauskünfte sind.
Genauere Untersuchen (Ó Riagáin und Ó Gliasáin 1994:5) zeigen, dass
nur 2% der Bevölkerung Irischkenntnisse wie Muttersprachler
aufweisen können, dass 9% 'an den meisten Konversationen'
teilnehmen können und dass 22% 'nur sehr eingeschränkte
Konversationen' führen können. Noch wichtiger für den eigentlichen
Gebrauch der Sprache ist folgendes: Ó Riagáin und Ó Gliasáin (1994:
11-14) stellen fest, dass obwohl 9% 'Irisch in einer Konversation
in der letzten Woche' benutzt haben, und 40% 'manchmal'
irischsprachige Sendungen im Fernsehen anschauen, nur 3% Irisch
'oft' zu Hause benutzen, und nur 2% 'wenigstens einmal wöchentlich'
am Arbeitsplatz (fußnote: 15). Ó Murchú (1998: 9) erwähnt eine
Analyse der Volkszählung von 1996, die feststellt, dass nur 2,9%
der erwachsenen (fußnote: 16) Bevölkerung des irischen Staates oder
71.000 Iren jeden Tag Irisch sprechen. Betrachten wir Kinder im
Alter von 3-4 Jahren, d.h. die noch nicht in die Schule gehen,
sprechen 4,6% (2002: 5,4%), d.h. 3,951 (2002: 5088), täglich die
Sprache und nur 34% (2002: 36,8), d.h. 861 (2002: 903) der Kinder
der Gaeltacht-Gebiete. Etwa 7% lesen Bücher auf irisch, aber nur 1%
tun dies täglich.
Warum sind die Ergebnisse so unbefriedigend?
Die Hauptschwäche der irischen Sprachpolitik liegt nicht im
Bildungswesen, auch wenn die allgemeine Bevölkerung dies mitunter
anders sieht. Laut Forschungen des Autors (Ó Riain 1985) gibt es
vier Hauptgründe, die das bisherige Scheitern der
gesellschaftlichen Sprachpolitik erklären:
A) Ein Missverständnis der Beziehung zwischen Sprachfähigkeit und
Sprachnutzung.
B) Ein Mangel an umfassender Sprachplanung.
C) Überhöhter Anfangsoptimismus, dem später Verzweiflung
folgt.
D) Die Erwartung, dass sich Irisch von der Gaeltacht aus nach Osten
ausbreiten würde.
Betrachten wir diese Gründe der Reihe nach etwas
ausführlicher.
A) Ein Missverständnis der Beziehung zwischen Sprachfähigkeit und
Sprachnutzung (Ó Riain 1985: 91-92): Die ganzen Bemühungen des
Staates waren von Anfang an darauf gerichtet, Irisch zu
unterrichten. Das war natürlich nötig, da nur wenige Iren die
Sprache 1922 sprechen konnten. Man ging aber von der fälschlichen
Annahme aus, dass das Unterrichten der Sprache genügen würde, und
dass die Leute von selbst die Sprache benutzen würden. Man hat
nicht verstanden, dass die Normen der Sprachnutzung von der
Gesellschaft und nicht vom Einzelnen bestimmt werden. Also gab es
so gut wie keine Nutzungsplanung, d.h. Aktivitäten in der Kommune,
im Beruf, in der Freizeit, den Medien, usw. Um nur ein Beispiel aus
dem irischen Parlament zu nennen: Statt eine kollektive
Entscheidung zu treffen, dass während einer bestimmten halben
Stunde pro Woche nur Irisch im Parlament gesprochen wird, wurde nur
betont, das jeder einzelne Politiker die Pflicht habe, Irisch zu
sprechen. Auch im öffentlichen Dienst wird Sprachfähigkeit im
Irischen belohnt, nicht aber der Gebrauch der Sprache bei der
Arbeit. Dies gilt im wesentlichen bis heute.
B) Ein Mangel an umfassender Sprachplanung (Ó Riain 1985: 93-104):
Außerhalb des Bildungswesens hat der Staat fast keine
politisch-gesellschaftliche Sprachplanung unternommen (fußnote:
17). Außer im Erziehungsministerium wurde in allen Ministerien
weiterhin auf Englisch gearbeitet, sogar in der Gaeltacht. Für sie
blieb die Sprachpolitik eine Sache des Erziehungsministeriums, was
im wesentlichen bis heute gilt.
C) Überhöhter Anfangsoptimismus, dem später Verzweiflung folgt: In
den zwanziger Jahren gab es viele Autoren, die glaubten, dass
Irisch innerhalb von 10 Jahren wieder die Mehrheitssprache Irlands
würde (Ó Riain 1985: 85-88). Dies war jedoch zwischen 1940 und 1950
nicht der Fall war. Am Anfang wurden alle Schwierigkeiten
minimalisiert, später die Fortschritte. Aber weder am Anfang noch
später wurde wissenschaftlich untersucht, was eigentlich
geschah.
D) Die Erwartung, dass sich Irisch von der Gaeltacht aus nach Osten
ausbreiten würde (Ó Riain 1985: 88-90): Die sogenannte
Breac-Ghaeltacht (fußnote: 18) am Rande der Gaeltacht hat als
letzte die Sprache verloren. Eine sehr negative Haltung zum
Irischen war nötig gewesen, um die Iren zu überzeugen, dass sie
ihre Nationalsprache aufgeben müßten. Diese negative Haltung war in
der Breac-Ghaeltacht am stärksten, und es ist sehr
unwahrscheinlich, dass in diesen Gebieten die Bevölkerung zum
Irischen zurückkehrt. Dies folgt dem Trend, dass sich in den
meisten Fällen von Sprachwechsel die neue Sprache von der Großstadt
zur Kleinstadt, und von der Kleinstadt aufs Land verbreitet (wie
Englisch in Irland). Die Gegenrichtung ist äußerst selten, wenn es
sie überhaupt gibt.
Fußnoten
Seán Ó Riain, (Friedrichstrasse 200, 10117 Berlin;
sean.oriain@dfa.ie), PhD, ist Presse- und Kulturrat der irischen
Botschaft in Deutschland. Dieser Beitrag drückt seine persönliche
Meinung aus.
Der Autor möchte Frau Prof. Sabine Heinz, Gastprofessorin für
Keltologie an der Universität Wien, für Ihre Ratschläge recht
herzlich danken.
1. Der Name der Sprache in der Sprachwissenschaft und in der
irischen Verfassung (Art. 8). Irisch ist eine der drei gälischen
Sprachen, die derzeit existieren. Es ist daher unangebracht, sie
'Gälisch' zu nennen, wie manche es tun.
2. Im Sinne, das sie von weniger als 50% der Bevölkerung gesprochen
wird, aber nicht im Sinne, dass sie nur einer Minderheit der Iren
gehört. Die große Mehrheit der Iren betrachten Irisch bis heute als
die Nationalsprache Irlands.
3. Volkszählungen in den USA gehen von über 44 Millionen
Amerikanern irischer Abstammung aus.
4. Die damalige Bevölkerung von England, Schottland und Wales
betrug insgesamt 18 Millionen Einwohner.
5. Irland ist das einzige Land in Europa, dessen Bevölkerung von
1845 bis heute um die Hälfte geschrumpft ist. Damals wohnten
dreimal mehr Leute in Irland als in den Niederlanden; heute wohnen
dreimal mehr Leute in den Niederlanden als in Irland.
6. Collins 1922 und Corkery 1954 meinen, sie führte 30 Jahre später
direkt zur Unabhängigkeit des größten Teils Irlands.
7. Die Tatsache, dass Universitätsprofessoren aus Berlin, Leipzig
usw. nach Irland kamen, um Irisch zu lernen, überzeugte viele
Irischsprecher, dass ihre Sprache nicht wertlos sei. Hinzu kommt,
dass deutsche und andere europäische Gelehrte Hyde und die Liga in
zwei großen Kontroversen 1899 und 1908 über den Erziehungswert der
Sprache öffentlich unterstützten.
8. Obwohl einige sie doch benutzen wollten, zum Beispiel, Risteard
de Hindenberg von der Gaeltacht von Port Láirge/Waterford.
9. Sie wurde als Druckschrift von der englischen Königin Elizabeth
I für die Protestantische Bibel im 16. Jahrhundert nach Irland
geschickt.
10. Erst 1986 wagte es die Regierung, eine einheitliche Aussprache
(An Gúm 1986) zu empfehlen.
11. de Bhaldraithe (1959: v) nennt 18 irische Wörter für
'Teleskop', die er gefunden hat.
12. Das Wort Gaeltacht bezeichnete ursprünglich die ganze Irisch
sprechende Gemeinschaft, sowohl in Irland als auch in Schottland.
Heute ist es ein speziell vom irischen Staat anerkanntes und auch
ökonomisch geschützes Gebiet, in dem die Sprache ein Rückzugsgebiet
hat.
13. Gaelscoileanna, oder Irischsprachige Schulen, sind von weniger
als 1% der Schulen im irischen Staat (1972) auf jetzt 6%
gestiegen.
14. Das irischsprachige Fernsehen TG4 sendet seit Ende 1996; Raidió
na Gaeltachta seit 1972; Raidió na Life für Dublin.
15. Interessanterweise sind die letzten zwei Gruppen nicht
identisch: die Hälfte der Leute, die Irisch bei der Arbeit
verwenden, benutzen die Sprache selten oder nie zu Hause.
16. Es ist sinnvoll die Kinder von dieser Berechnung
auszuschließen, weil Irisch Pflichtfach in allen staatlichen Grund-
und Mittelschulen ist und daher von allen Kindern jeden Tag
'benutzt' wird.
17. Es gab vereinzelte Regelungen, zum Beispiel 1950, dass die Bahn
ihre Fahrkarten auf Irisch, oder zweisprachig, ausdrucken muß (Ó
Riain 1985: 212).
18. 'Halb-Gaeltacht', d.h. ein Gebiet, in dem die Leute Irisch noch
können, aber nicht mehr sprechen.
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(fußnote: 19) Bücher zum Thema in irischer Sprache, die sehr
zahlreich sind, werden hier sparsam erwähnt. Umfangreicheres
Verzeichnis in Ó Riain 1994.